Der Pfad – Kunst, die einen Weg erzählt

Der Pfad – Kunst, die einen Weg erzählt

Wer über den Munsterplatz in Lennep geht, kann an dieser Skulptur ziemlich leicht vorbeilaufen. Sie steht schließlich einfach da – glänzend, gedreht, ein wenig rätselhaft. Und genau das passt zu Tony Cragg. Seine Arbeiten wollen nicht unbedingt auf den ersten Blick erklären, was sie sein sollen. Man schaut, geht vielleicht ein paar Schritte weiter, dreht sich noch einmal um – und plötzlich sieht die Form wieder anders aus.

„Der Pfad“ entstand 2022 für die Lenneper Pilgerfreunde. Tony Cragg hat die Skulptur nicht nur entworfen und angefertigt, sondern auch selbst den Standort auf dem Munsterplatz ausgewählt. Der Ort ist dabei kein Zufall: Nur wenige Meter entfernt verläuft der Jakobsweg, der seit Jahrhunderten durch Lennep führt.

Das Werk besteht aus Edelstahl und ist rund 3,20 Meter hoch. Seine Oberfläche ist zum größten Teil glatt poliert. Dadurch wird die Skulptur ständig ein wenig Teil ihrer Umgebung: Himmel, Licht, Häuser, Menschen und Bewegungen tauchen in der Oberfläche auf und verschwinden wieder. Je nachdem, wo man steht und wie das Licht fällt, bekommt man deshalb beinahe eine andere Skulptur zu sehen.

Auffällig ist eine mattierte Bahn, die sich durch die glänzende Form zieht. Sie ist kein zufälliges Detail. Sie bildet den eigentlichen „Pfad“ und windet sich durch die Skulptur wie ein Weg durch eine Landschaft. Mal wirkt er deutlich, mal verschwindet er beinahe in der Form. Der Weg hat keinen schnurgeraden Verlauf – und genau darin liegt der Gedanke hinter dem Werk: Ein Weg kann Kurven machen, ansteigen, sich verlieren, eine andere Richtung einschlagen und trotzdem ein Weg bleiben.

Pilger

Damit bekommt der Titel eine zweite Bedeutung. „Der Pfad“ ist nicht nur der Weg des Pilgers. Er kann genauso für den Weg eines Menschen stehen. Das ist keine Gebrauchsanweisung für die Skulptur, sondern eine mögliche Lesart. Der Verein der Lenneper Pilgerfreunde verbindet das Werk ausdrücklich mit dem Gedanken des Pilgerns und mit dem menschlichen Lebensweg. Auch das Kreuz am unteren Ende gehört zu dieser Bildsprache. Es verweist auf die christliche Herkunft des Jakobswegs, lässt sich im Zusammenhang mit der Skulptur aber auch weiter verstehen.

Interessant ist dabei gerade der Gegensatz zwischen dem schweren Material und der Bewegung, die Cragg daraus entstehen lässt. Edelstahl ist hart, kalt und ziemlich unnachgiebig. Die Skulptur dagegen wirkt, als würde sie sich bewegen. Sie dreht sich nach oben, verändert ihre Breite und öffnet sich am oberen Ende. Aus einem Stück Metall wird etwas, das beinahe aussieht, als wäre es gerade erst in Bewegung geraten und dann mitten darin angehalten worden.

Und dann ist da noch der Munsterplatz selbst. Die Stadt Remscheid hat den Platz im Zusammenhang mit der Aufstellung der Skulptur neu gestaltet. Bäume, Pflanzflächen und Sitzmöglichkeiten machen aus dem Platz nicht nur einen Durchgangsort, sondern auch einen Ort zum Verweilen. Die Stadt beschreibt Kunst im öffentlichen Raum deshalb ausdrücklich als etwas, das nicht nur angeschaut werden soll, sondern den Alltag begleitet – zu unterschiedlichen Tageszeiten und bei unterschiedlichem Wetter immer wieder anders.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Skulptur. Gläubig muß man nicht sein, um mit einem Weg etwas anfangen zu können. Man muss auch kein Kunsthistoriker sein und schon gar nicht wissen, was Tony Cragg beim Entwurf gedacht hat. Enfach davorstehen und feststellen, dass sich die eigene Perspektive verändert, sobald man sich selbst bewegt.

Der Pfad

Der Pfad bleibt derselbe. Der Betrachter nicht.

Und vielleicht ist das für einen Ort wie Lennep gar kein schlechter Gedanke. Hier kreuzen sich seit Jahrhunderten Wege: Straßen, Handelswege, Pilgerwege, Lebenswege. Heute kommt noch ein anderer Weg hinzu – der Weg durch eine Stadt, in der Geschichte nicht nur in alten Häusern steckt, sondern manchmal auch mitten auf einem Platz aus glänzendem Edelstahl steht.

„Der Pfad“ ist seit dem 19. Oktober 2022 Teil dieses Lenneper Stadtbildes. Wer ihn sehen möchte, findet ihn auf dem Munsterplatz – und wer ihn nur einmal gesehen hat, sollte vielleicht beim nächsten Vorbeigehen noch einmal aus einer anderen Richtung hinschauen. Denn bei dieser Skulptur ist der Weg tatsächlich erst dann interessant, wenn man ihn nicht immer aus derselben Perspektive betrachtet.